Frank W.E. Stockmann über die Entstehung der Studie „Eine transdisziplinäre Exploration zum Umgang mit KI-Chatbots im Studienalltag im Kontext von Einsamkeit – Emotionale Selbstregulation als Dimension von Bildung“
Manche Projekte entstehen nicht entlang eines festen Plans, sondern entwickeln sich aus Gesprächen, Beobachtungen und neuen Anschlussfragen. Das vorliegende Projekt ist ein Beispiel dafür, wie eine wissenschaftliche Idee im Seminarzusammenhang iterativ wachsen und sich zu einem eigenständigen Forschungs- und Veröffentlichungsprojekt weiterentwickeln kann.
Wie ein ungeplantes Seminarprojekt zu einem Forschungsprojekt wurde
Der Ausgangspunkt des Projekts lag im Sommersemester 2025 in der Lehrveranstaltung „Methoden der standardisierten Sozialforschung“ bei Frau Dr. Ines Langemeyer. Zu Beginn ergab sich ein Gespräch über meinen fachlichen Hintergrund. Dabei wurde deutlich, dass ich als Mentaltrainer im Profisport arbeite und mich seit vielen Jahren im Rahmen qualitativer Forschung mit der Frage beschäftige, wie Athletinnen und Athleten der Deutschen Sporthilfe mit Niederlagen umgehen. Dieses Forschungsinteresse war zugleich mit meinem Start-up „The Sixpack Mind AI“ verbunden, das sich zum Ziel setzt, emotionale Prozesse nach Niederlagen longitudinal sichtbar und analysierbar zu machen.
Prägend war in dieser Phase auch das Seminar „Methoden der interpretativen Sozialforschung“ bei Frau Heisswolf, das mein Interesse an qualitativer Forschung weiter vertieft hat. Im Seminarzusammenhang stellte sich dann die Frage, ob sich mein bisheriges Forschungsthema nicht in eine standardisierte Befragung überführen ließe. Obwohl ich Statistik und quantitative Sozialforschung ursprünglich eher mit Distanz betrachtet habe, war die Möglichkeit, eine eigene Forschungsfrage in diesem Rahmen zu entwickeln und vorzustellen, ausgesprochen reizvoll.
Aus ersten Überlegungen zu Forschungsfrage und Fragebogen entwickelte sich Schritt für Schritt ein eigenes Projekt. Nach intensiver Literaturarbeit, unter anderem mit dem Handbuch der quantitativen Sozialforschung, entstand ein erster Fragebogenentwurf, der im Seminar vorgestellt und weitergedacht wurde. Frau Dr. Langemeyer unterstützte diese Entwicklung früh und ermöglichte, dass aus einer Seminaridee ein belastbarer empirischer Zugang wurde.
Inhaltlicher Fokus und wissenschaftliche Fragestellung
Inhaltlich widmet sich das Projekt der Frage, wie Studierende KI-Chatbots im Studienalltag nutzen und welche psychologisch und bildungsbezogen relevanten Faktoren mit dieser Nutzung zusammenhängen. Im Zentrum stehen dabei insbesondere emotionale Selbstregulation, Einsamkeit, Selbstklärung im Gespräch, das Bedürfnis nach Verfügbarkeit und kognitiver Sicherheit sowie wahrgenommene Barrieren im Kontakt mit realen Menschen. Das Projekt ist damit sowohl bildungswissenschaftlich als auch psychologisch anschlussfähig.
Die Untersuchung war von Beginn an weniger durch ein starres Forschungsprogramm als durch ein offenes Erkenntnisinteresse geleitet. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die schnelle Verbreitung von Chatbots neue kommunikative Formen schafft und damit die Frage aufwirft, ob und warum Menschen in bestimmten Situationen eine KI gegenüber menschlichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern bevorzugen. Im Hochschulkontext ließ sich diese Frage besonders gut an der Nutzung im Studienalltag untersuchen.
Projektaufbau und Ablauf
Der Projektaufbau war nicht linear, sondern iterativ. Auf die erste Vorstellung der Forschungsfrage im Seminar folgte die Entwicklung eines standardisierten Fragebogens. Anschließend wurde der Fragebogen in SoSci Survey technisch umgesetzt. Die ursprüngliche Idee bestand zunächst darin, im Seminar mit eigenen Daten arbeiten zu können und den Fragebogen gemeinsam mit den Teilnehmenden zu reflektieren.
Im weiteren Verlauf wuchs das Projekt jedoch deutlich über den Seminarrahmen hinaus. Das erste Feedback aus dem Seminar und vor allem die Erfahrung, mit eigenen Daten zu arbeiten, führten dazu, dass die Datenerhebung gezielt ausgeweitet wurde. Über mehrere Monate hinweg wurde auf dem Campus aktiv für die Teilnahme geworben, unter anderem in Bibliothek, Mensa und an zentralen Orten des KIT. Auf diese Weise entstand ein Datensatz mit insgesamt N = 233 Fällen. Die Online-Erhebung war über die Monate Juni, Juli und August 2025 freigeschaltet.
Die anschließende Auswertung erfolgte mit explorativen Faktorenanalysen und multiplen Regressionsanalysen. Parallel dazu wurden Zwischenergebnisse mehrfach im Seminar vorgestellt und diskutiert. Aus der Arbeit mit dem Datensatz entwickelte sich zunehmend eine Eigendynamik, die schließlich in die gemeinsame Entscheidung mündete, die Ergebnisse nicht nur seminarintern, sondern auch in einer publikationsfähigen Form auszuarbeiten.
Beteiligte Personen und Zusammenarbeit
Am Projekt beteiligt waren Frau Dr. Ines Langemeyer, Frank W. E. Stockmann und Nadja Schlindwein. Die Zusammenarbeit entstand aus dem Lehrkontext am KIT, entwickelte sich aber im Verlauf zu einem eigenständigen Forschungszusammenhang. Frau Dr. Langemeyer begleitete die Entwicklung des Projekts wissenschaftlich und unterstützte die Ausweitung vom Seminarbeitrag hin zu einer möglichen Veröffentlichung. Nadja Schlindwein war insbesondere an der technischen Umsetzung des Fragebogens in SoSci Survey sowie an der Datenauswertung beteiligt. Frank W. E. Stockmann brachte den ursprünglichen Forschungsimpuls, die Entwicklung des Fragebogens, die Rekrutierung der Teilnehmenden sowie den Transfer zwischen Bildungsforschung, Sportpsychologie und Gründungskontext ein.
Eine erste öffentliche Vorstellung der Ergebnisse erfolgte am 24. Februar 2026 in der Triangel am KIT. Damit wurde das Projekt auch über den unmittelbaren Seminar- und Institutszusammenhang hinaus sichtbar.
Ziele, Erkenntnisse und bisherige Ergebnisse
Das Projekt verfolgte weniger ein klassisches, von Anfang an festgelegtes Ziel als vielmehr ein offenes Forschungsinteresse. Gerade daraus ergaben sich jedoch mehrere klare Erkenntnislinien. Inhaltlich zeigt die Studie, dass die Nutzung von KI-Chatbots im Studienalltag nicht nur als technische Assistenz verstanden werden kann, sondern in Teilen auch mit Fragen der emotionalen Selbstregulation, der Einsamkeit, der Verfügbarkeit von Gesprächspartnern sowie dem Bedürfnis nach Selbstklärung und kognitiver Sicherheit verknüpft ist.
Darüber hinaus hat das Projekt auch auf methodischer Ebene wichtige Einsichten hervorgebracht. Eine zentrale Erfahrung war, dass Statistik und quantitative Sozialforschung einen völlig anderen Stellenwert bekommen, wenn sie mit einer eigenen Forschungsfrage, einem eigenen Erkenntnisinteresse und selbst erhobenen Daten verbunden sind. Aus einem zunächst eher distanzierten Verhältnis zur quantitativen Methodik entstand so ein starkes Interesse daran, den gesamten Forschungsprozess von der Fragebogenentwicklung bis zur Auswertung zu durchdringen. Gerade für die Bildungsforschung wurde dadurch sichtbar, wie wertvoll es ist, wenn theoretische und praktische Fragen mit empirischen Werkzeugen verbunden werden können.
Eine weitere Erkenntnis betrifft die Forschungsbedingungen selbst. Aus den ersten Ergebnissen ergaben sich rasch neue Anschlussfragen, etwa im Hinblick auf Vergleiche zwischen Hochschulen, Fakultäten, Altersgruppen oder Geschlechtern sowie auf mögliche Wiederholungsbefragungen zu späteren Zeitpunkten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Weiterentwicklung solcher Forschungsvorhaben immer auch eine Ressourcenfrage ist. Forschung eröffnet viele Möglichkeiten, setzt aber ebenso Zeit, Infrastruktur und Finanzierung voraus.
Ausblick
Für die weitere Arbeit ist das Projekt in mehrfacher Hinsicht anschlussfähig: als Beitrag zur Diskussion über Bildungsqualität im Umgang mit KI, als empirischer Zugang zur Frage nach emotionaler Selbstregulation im Studienalltag und als Beispiel dafür, wie aus einem Seminar heraus ein eigenständiges Forschungsprojekt entstehen kann. Zugleich hat das Projekt gezeigt, wie wichtig fördernde wissenschaftliche Zusammenarbeit ist. Ohne die Unterstützung und Ermutigung durch Frau Dr. Langemeyer und Nadja Schlindwein wäre diese Entwicklung in dieser Form nicht möglich gewesen.