Martin Schwarz gibt Einblicke, wie er vom Auszubildenden zum Berufspädagogen wurde und welche biografischen Momente für ihn bedeutsam waren, wie er Ausgleich durch das Laufen und die Natur findet und wie es zu seiner Monografie „Pädagogik im Betrieb“ kam.
Erfahren Sie, mit welchen Herausforderungen er sich im Rahmen des InnoVET PLUS Verbundprojekts konfrontiert sieht und welche Tipps er Studierenden mitgibt, was das Schreiben von eigenen Texten anbelangt.
1. Welcher Moment in Ihrer Biografie hat den Funken für Ihre Passion für Berufs- und Betriebspädagogik entzündet?
Dr. habil. Martin Schwarz - Akademischer Oberrat, Professor
für Berufspädagogik & Projektleiter InnoVET PLUS
Wenn ich dies rückblickend betrachte, wurde der Grundstein im Kontext bzw. zum Ende meiner damaligen dualen Berufsausbildung gelegt. Für mich war recht schnell klar, dass ich weniger in einen Fachbereich wollte. Vielmehr hatte mich die betriebliche Aus- und Weiterbildung interessiert. So wurde ich zunächst betrieblicher Ausbilder und habe die Ausbildung der Ausbilder – kurz den AdA-Schein – als erste rudimentäre berufspädagogische Qualifikation über die IHK absolviert. Dabei blieb es dann aber nicht…
Später bzw. recht bald habe ich den Betrieb verlassen und Berufs- und Betriebspädagogik grundständig studiert, damals noch als Diplomstudiengang. Es folgten danach berufliche Stationen als Personalentwickler und Projektleiter in einem Beratungsunternehmen für betriebliche Weiterbildung. Promoviert habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs 'Wandlungsprozesse in Industrie und Dienstleistungsberufen' an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Hier wurden meine Interessen bzgl. Berufsforschung, Professionalisierung von pädagogischen Handlungsformen insb. Beratung und Weiterbildungsforschung geweckt. Fast wäre ich zum BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) gegangen, bei welchem ich schon unterschrieben hatte, doch dann kam fast zeitgleich die Möglichkeit in meiner Heimat, an der RPTU Kaiserslautern-Landau, eine akademische Ratsstelle antreten zu dürfen. Dort hatte ich auch später meine Habilitation mit einer Forschungsarbeit zur betrieblichen Weiterbildung abgeschlossen, was den Kreis gewissermaßen schließt. An der RPTU kamen dann auch die Themen Schulpädagogik sowie Lehrerprofessionalität und Schulentwicklung hinzu, welche in der Berufspädagogik den Lernort Schule aufgreifen.
Als ebenfalls einen sehr bedeutsamen Moment erachte ich die Zeit in Saarbrücken. Hier durfte ich drei Jahre beim Aufbau einer Hochschule mitwirken und die Berufspädagogik aufbauen. Für die Zeit war ich von der RPTU beurlaubt. Entscheidend war hier, dass die Studierenden gleichalt bzw. älter als ich waren und als bereits etablierte Lehrkräfte – in Schulen für Gesundheitsfachberufe – eine berufspädagogische Nachqualifizierung benötigten. Hier galt es einerseits dem Lernen Erwachsener gerecht zu werden und andererseits die Standards der Sozial- und Erziehungswissenschaft bzw. der Berufspädagogik als Angebot den Studierenden näherzubringen und ein professionelles Arbeitsbündnis zu gestalten.
Mein Credo lautet „Wissen was man kann, können was man weiß“. Einerseits gehört zum (eigenen) Wissen unweigerlich das (eigene) Nicht-Wissen, an deren Vergewisserung bzw. Bewusstwerdung man kontinuierlich zu arbeiten hat. Dies hilft einem den Dingen und Gegenständen mit Demut und Neugier zu begegnen. Andererseits betont der Satz die Brücke zwischen theoretischer Erkenntnis und praktischer Fähigkeit, was auch dem Verständnis von Expertise entspricht. Im Nachhinein kann man sagen, dass ich alle Stufen der Berufsbildung durchlaufen habe, was ich persönlich als größte Bereicherung für meine heutige Aufgabe in der Berufspädagogik und am KIT wahrnehme.
2. Wie kam es zu Ihren wichtigsten Publikationen im Bereich Berufs-/Betriebspädagogik und betrieblicher Weiterbildung? Was war Ihr persönlicher Antrieb, diese Forschung zu betreiben, und welche Tipps haben Sie für Studierende, die ihre ersten wissenschaftlichen Artikel schreiben möchten?
Zur Frage der wichtigsten Publikation, würde ich meines Erachtens natürlich die Monografie im Rahmen des Habilitationsverfahrens zählen. Zur Studie "Pädagogik im Betrieb“ sind im Nachgang bzw. inzwischen auch eine Vielzahl an Einzelartikeln entstanden.
Einerseits werden (Teil Eins) die theoretischen Perspektiven zu Pädagogik im Betrieb analysiert: Diese lassen sich einerseits durch unterschiedliche disziplinäre Zugriffe (bspw. Betriebswirtschaftslehre, Soziologie) und andererseits durch eine Vielfalt an sozial- und erziehungswissenschaftlichen Rekonstruktionen und pädagogischen Legitimationen (etwa durch Erwachsenenbildung, Berufspädagogik, erwachsenenpädagogische Organisationsforschung) charakterisieren. Hierbei werden die Perspektiven der Theoriebildung systematisierend rekonstruiert und auf ihre Brauchbarkeit für eine Gegenstandsbestimmung der Praxis im institutionellen Kontext Betrieb hin geprüft.
Andererseits erfolgt (Teil Zwei) eine für die Gegenstandsbestimmung notwendige empirische Analyse, welche das Erscheinungsbild der Handlungsformen von Pädagogik im Betrieb differenziert offenlegt. Dieses Erscheinungsbild konstituiert sich hochgradig organisationsspezifisch und stellt somit kein monolithisches Gebilde dar. Vielmehr ist die aufgabenspezifische Ausgestaltung Ergebnis komplexer Aushandlungsprozesse beteiligter Akteure im institutionellen Kontext der Organisation. D. h., es wird nicht Prämissen gefolgt, die aus anderen Referenzbereichen entstammen, wie Bildungspolitik, Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern es zeigt sich eine Rekontextualisierung auf mehreren Ebenen in der Logik und den (Handlungs-)Bedingungen der Organisation.
Zur Frage des Antriebs bzw. zur Motivation, lässt sich dies auf ein Missverhältnis und ein erlebtes Unbehagen zurückführen: Betriebliche Weiterbildung/Personalentwicklung bzw. auch Bezeichnungen wie People and Culture Management oder Human Ressource Development ist hoch relevant und stellt einen herausragenden Bereich dar, in welchem gewissermaßen Pädagogik sich Ausdruck verschafft. Auch ist er ein bedeutender Arbeitsmarkt für Pädagogen und Pädagoginnen. Dies belegen eindrücklich Daten aus der Weiterbildungsberichterstattung. Doch dieser Bereich ist gleichsam wenig theoretisch reflektiert und noch weniger empirisch durchdrungen.
Zur Frage der Tipps: Hier fällt mir ein Satz von Samuel Backet ein: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better“. Scheitern gehört dazu und ist Teil des Weges! Kinder, wenn Sie etwas zusammenbauen und erforschen, lernen aus ihrem Scheitern. Das durfte ich oft genug an meinen eigenen Kindern beobachten. Leider ist in unserer Gesellschaft das Scheitern negativ konnotiert und fast schon tabuisiert. Für den Schreibprozess bedeutet dies, es einfach immer wieder (besser) zu versuchen, anstatt sich vom vermeintlichen Misserfolg und der Meinung anderer entmutigen zu lassen.
3. Sie verantworten derzeit ein drittmittelgefördertes Projekt. Könnten Sie kurz erläutern, um welches es sich handelt und worin dessen Kernziel bzw. Inhalt besteht?
Unser Projekt befindet sich im Kontext von InnoVET PLUS, einer zentralen Maßnahme der Exzellenzinitiative Berufliche Bildung des Bundesministeriums für Bildung (BMBFSFJ) mit einem Volumen von rund 60 Mio. Euro. Hierbei werden 28 Projekte über knapp vier Jahre gefördert, welche zum Ziel haben die Transformation zu gestalten, Fachkräfte zu gewinnen und die Berufsbildung zu stärken.
Unser InnoVET PLUS Projekt „Lernfabriken@BeruflicheBildung“ entwickelt und erprobt alternative Betriebsformen (sog. Betreibermodelle) für berufliche Lernfabriken mit konkreten Weiterbildungsangeboten. Bisher werden berufliche Lernfabriken nur von spezifischen berufsbildenden Schulen betrieben, was deren Einsatz im und für den Kontext der Weiterbildung erschwert. Zudem stellt das Projekt die Verknüpfungen mit bestehenden Weiterbildungsplattformen her und etabliert Netzwerke zum Transfer der Angebote der beruflichen Lernfabriken für die Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Des Weiteren wird im Rahmen der Projektlaufzeit ein Hochschulzertifikat „Lernfabriken für die berufliche Bildung“ entwickelt, aufgebaut und getestet. Um unsere Ziele zu verwirklichen, arbeiten wir in einem leistungsstarken Verbund zusammen, zu welchem die TU Hamburg, das ZfW der IHK Heilbronn-Franken, die Nachwuchsstiftung Maschinenbau, die AgenturQ, die RPTU Kaiserslautern-Landau und das KIT zählen.
4. Welche konkreten Herausforderungen der heutigen Berufsausbildung adressiert Ihr InnoVET PLUS Projekt und welche Lösungsansätze stehen dabei im Fokus?
Eine bzw. die größte Herausforderung in unserem Projekt stellt der Hebel Weiterbildung durch Kooperation dar. Die Weiterbildung avanciert durch bildungspolitische Postulate wie etwa die Nationale Weiterbildungsstrategie (NWS) unweigerlich zu einer Schlüsselvariable für die gesellschaftliche, ökonomische und individuelle Entwicklung. Im InnoVET PLUS Projekt geht es ja u.a. aber ganz wesentlich darum, wie berufliche Lernfabriken für die Weiterbildung erschlossen werden können.
Nun gestaltet sich das Weiterbildungssystem in Deutschland spezifisch. So wurde etwa in einer Studie der OECD, die international und vergleichend Continuing Education and Training untersucht, bemerkt, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ein sehr komplexes System der Weiterbildung besteht, welches hinsichtlich Governance-Strukturen der Steuerung, Bereitstellung von Finanzierung und Planung stark von Selbstverantwortung und -organisation, Dezentralisierung, Pluralität der institutionellen Träger und dem Bildungsföderalismus als Spezifikum geprägt ist (vgl. OECD 2021, S. 4).
D.h. einerseits ist dieses Strukturmerkmal eine große Stärke, da das Weiterbildungsangebot auf die unterschiedlichen Anforderungen von Individuen, Organisationen, und regionalen Arbeitsmärkten eingehen kann. Andererseits aber auch eine Schwäche, da es Koordinations- und Kooperationsherausforderungen mit sich bringt. Hiermit geht einher, dass eine Kooperationskultur über verschiedene Interessenslagen und multiplen Handlungslogiken hinweg es zu entwickeln gilt, welche zur Stärkung der Wirksamkeit des Weiterbildungssystems beitragen kann.
5. Welches Hobby oder welche Freizeit‑Aktivität liefert Ihnen den nötigen Ausgleich?
Meine Quelle für Ausgleich und Regeneration ist das Laufen. Gerne allein, aber auch regelmäßig mit einem langjährigen Freund und festen Laufpartner. Laufen ist für mich auch eine Inspiration. Einerseits ermöglicht es mir Loszulassen, andererseits kommen mir beim Laufen oft gute Ideen für meine Arbeit. Hierbei laufe ich ohne Musik. Das Schöne ist, dass man im Winter (aktuell!) den Schnee unter den Schuhen und im Sommer die Vögel singen hört.
Wir sind auch schon mehrmals etwa beim Baden-Marathon und beim Bienwald-Marathon in der Kategorie Halb-Marathon mit berufspädagogischen Läufergruppen, in unterschiedlichen Zusammensetzungen, gestartet.
Sie möchten mehr über die Themen von Herrn Martin Schwarz erfahren?